Psychedelische Medizin

Contemporary Outview on Psychedelics

Renaissance einer Medizin unserer Vorfahren

Über Jahrtausende wurden halluzinogene Substanzen als wichtiger Bestandteil von Heilungsritualen praktisch überall auf der Welt eingesetzt. Ihre Verwendung geht bis zur Menschheitsgeschichte zurück. Leider hat die Stigmatisierung mit dem moralischen Krieg gegen Drogen, der in den 1960er Jahren von der USA ausging, die weitere Erforschung und Verbreitung innerhalb der westlichen Welt sehr schwierig gemacht. Die Studien, die mit Ausnahmegenehmigungen durchgeführt werden durften, fanden noch bis vor kurzer Zeit keine Beachtung im wissenschaftlichen Mainstream. Spätestens seit 2020 wird endlich wieder ernsthaft öffentlich über Psychedelika diskutiert. Nicht mehr nur durch die Menschen, die mit neuen Lebensperspektiven beispielsweise von einer Südamerika-Reise zurückkehren, wo sie an einer Zeremonie teilgenommen haben, sondern auch medial in Talkshows und Netflix Dokumentation. Dazu kommt eine massiv steigende Zahl wissenschaftlicher Publikationen, nicht mehr nur durch Forscher der führenden Universitäten in Zürich, Basel, London, Amsterdam oder Barcelona.

Von substitutionsbasierten Medikamenten zum transformativen Ansatz

Dass öffentliche Debatten und Forschung wieder möglich geworden sind, haben wir auch der Krise in der Psychopharmakologie zu „verdanken“. Einer immer größeren Anzahl an psychologischen und neurologisch Erkrankten steht die Pharmaindustrie mit Medikamenten für mentale Störungen, die sich in den vergangenen 50 Jahren kaum weiterentwickelt haben, immer hilfloser gegenüber. In einer unabhängigen Metastudie wurde festgestellt, dass traditionelle Psychopharmaka über alle Anwender verteilt genauso oder genauso wenig wirksam sind, wie deren Placebos. Manchmal verschreiben die Ärzte dann mehrere Präparate nebeneinander (Politoxikologie). Wie bei einem Blinde-Kuh-Spiel suchen die dann nach den pharmakologischen Hebeln, die das Leid der Erkrankten verkleinern. Das darf nicht falsch verstanden werden. Die Medikation verschafft wichtige Zeit und hilft den Patienten in großen Krisen zu überleben. Die Präparate sind jedoch teuer, haben viele Nebenwirkungen und helfen nur kurze Zeit oder bis die Dosierung verändert wird. Das größte Problem ist jedoch: Sie lösen die Ursachen der Probleme nicht.

Mit den Psychedelika verschiebt sich das Paradigma weg von den substitutionsbasierten Medikamenten, die spezifisch in den biochemischen Prozess der Symptome einer Krankheit eingreifen, hin zu einem sogenannten transformationsbasierten Ansatz, bei dem die ausgelöste Selbsterfahrung eine größere Rolle spielt.
Die psychedelische Forschung berücksichtigt die mentalen Krankheitsbilder und versucht diese zu behandeln. Sie konzentriert sich dabei jedoch auf positive Lebenskonzepte als Veränderungsmechanismen für die langfristige Heilung. Das Paradigma hierzu findet sich in der Positiven Wissenschaft. Diese befasst sich mit der positiven menschlichen Funktionsweise und des Gedeihens auf mehreren Ebenen, die die biologischen, persönlichen, relationalen, institutionellen, kulturellen und globalen Dimensionen des Lebens betreffen. Psychedelika lösen eine Erfahrung aus, die Symptome verschiedenster Krankheitsbilder indirekt verbessert. Und dies deutlich. Wie eine der Studien aus dem Nature beschreibt, reduzieren 1 bis 3 Einnahmen bereits die Symptome von schwer therapierbaren Patienten mit Angststörungen über mehrere Monate, ohne gleichzeitig unerwünschte Nebenwirkungen auszulösen. Neben der Heilung von Angststörungen ist die Wirksamkeit vor allem für Depressionen, traumatischen Belastungsstörungen sowie Abhängigkeitsstörungen belegt.

Einteilungen und Definitionen

Zu der Gruppe der Psychedelika (oder Halluzinogene) zählen die Phenethylamine, die Tryptamine, Deliriants und Dissociativa. Die Grafik unten zeigt zur vollständigen Übersicht neben der Gruppe der Psychedelika auch die Gruppen der Stimmulanzien, den Anti-Psychotics (Tranqualizern) und den Depressants (Sedativa).

Psychedelika sind für das Wachrufen innerer Bilder und Pseudohalluzinationen bekannt. Daher kommt auch der Begriff: Halluzinogene. Es ist jedoch nicht so, dass alle in der Grafik unter Halluzinogenen aufgelisteten Substanzen nach der Einnahme innere Bilder wachrufen. Beispielsweise trifft das nicht für die Phenethylamine MDMA oder 2CB zu. Im europäischen Sprachraum werden psychedelische Substanzen, die keine inneren Bilder wachrufen, häufig als Entaktogen oder Empathogen bezeichnet. Diese Abgrenzung findet sich jedoch nicht im amerikanischen und lateinamerikanischen Sprachraum. Die Begriffe Entaktogen oder Empathogen werden hier für alle Substanzen verwendet, die das Innere des Menschen berühren (griechisch en, „innen“, lateinisch tactus „berührt“) und damit auch synonym zu den Begriffen Psychedelika und Halluzinogen.

Ich möchte eine weitere Form der Einteilung ansprechen, die ebenfalls im Zusammenhang mit der Wirkung steht. Psychedelische Substanzen können rein pflanzlichen Ursprungs, also „planed-based“, andererseits können sie „non-plant-derived“ und künstlich synthetisiert sein. Psilocybin, Meskalin und DMT zum Beispiel kommen ganz natürlich vor. Psilocybin findet sich in vielen Pilzarten (wie dem Magic Mushroom), Meskalin in vielen Kakteen Mittel- und Südamerikas (z.B. im San Pedro oder im Peyote Kaktus) und DMT kommt natürlich in Pflanzen als auch bei Menschen und Tieren vor. Eine synthetische Nachbildung der Verbindungen ist jedoch möglich. MDMA oder LSD zum Beispiel werden immer im Labor hergestellt (non-plant-derived). Dies ist verwirrend, weil die künstliche Herstellung von Verbindungen tatsächlich auch auf pflanzlichen Ausgangsstoffen basieren kann (Biosynthetisierung).

Psychotropic Drugs
Psychotrope Substanzen und Psychedelische Medizin (Halluzinogene)

Messbare Effekte

Die spezifische Wirkung von Psychedelika wird vor allem durch Stimulation des 5-HT2A- Rezeptors im Gehirn erreicht1 Die davon ausgehenden Prozesse sind komplex, erstens weil unterschiedliche Substanzen über den Rezeptor gegenteiliges bewirken können, und zweitens, weil er auf unterschiedliche Funktionen in unterschiedlichen Typen von Zellen Einfluss hat. Grundsätzlich verläuft die Wirkung über das Serotonin-System und den Vagusnerv zu den Organen wie Herz, Lungen- oder Verdauungstrakt. Man geht davon aus, dass er hier regulierend auf das vegetative Nervensystem eingreift. Bei Patienten mit chronischen Beschwerden und Autoimunerkrankungen wird eine Linderung der problematischen Symptome bereits kurz nach der Einnahme beobachtet.

Weiterhin induzieren die Substanzen eine Bewusstseinsveränderung, welche für die Veränderung der Selbstwahrnehmung sowie für die Wahrnehmung innerer Bilder, der sogenannten Pseudohalizunationen verantwortlich sind2 Die Erfahrungen der Konsumenten werden mit einer Reihe von Fragebögen gemessen. Viele der Fragebögen-Skalen, die in der psychedelischen Forschung signifikante Ergebnisse erzielen, stammen aus der Domäne der Meditationsforschung oder ähneln diesen stark. Wichtige Konstrukte, die über die Erfahrungen am Sitzungstag hinaus mit weiteren Fragebögen gemessen werden, sind Wohlbefinden, Empathie, prosoziales Verhaltens oder kognitive Flexibilität.

Über den Verlauf lassen sich auch die biologischen Prozesse beobachten und beschreiben, die zur Veränderung der Störungssymptome beitragen oder diese bedingen. Das ist es, was in den groß angelegten Zulassungsstudien getan wird, um Kontraindikationen sowie Risiken und Nebenwirkungen kennen zu lernen. Insbesondere ist dies für die spätere Anwendung bei Personengruppen mit paranoiden und bipolaren Störungen wichtig, wo der Einsatz psychedelischer Medizin heute noch als riskant beschrieben wird.

Geburt der psychedelischen Märkte

Für lange Zeit war die psychedelische Forschung verrufen und unwirtschaftlich. Den hohen Kosten, der notwendig gewordenen klinischen Zulassungs- und Wirksamkeitsstudien standen den Pharmaunternehmen nur kleine Einnahmen gegenüber, denn viele der Halluzinogene sind pflanzen-basiert oder aus anderen Gründen nicht mehr einfach für den ertragreichen Verkauf patentierbar.3.

Die neue Revolution wurde mit der Kraft vieler Einzelner entfacht, die selbst eine tiefgreifende heilsame Erfahrung mit Psychedelika gemacht haben. Über Organisationen, wie MAPS oder Mind haben sie eine Trendwende eingeleitet. MAPS konnte genügend Geld sammeln, um erste eigene Studien anzumelden und durchzuführen. Mit großen Erwartungen an die kommende Ära effektiver mentaler Therapien haben sich eine Handvoll neuer Biotech Unternehmen dem Rennen angeschlossen. Dazu zählen Compath Pathways aus England, Mindmed aus Kanada oder ATAI aus Deutschland. Sie bringen hunderte Millionen Dollar aus den Taschen finanzstarker Investoren und aus ihren eigenen Börsengängen mit, um neue Substanzen zu entwickeln und zu testen. Hier eine Übersicht über einige der laufenden Programme von ATAI.

Die Evolution der psychedelischen Märkte steht aber nicht allein auf den Füßen des westlichen Kapitalismus und ihrer synthetischen psychedelischen Derivate. Glücklicherweise wird die Revolution auch von Unternehmen vorangetrieben, die sich über ethische Richtlinien wie dem Northstar, der Wahrung der zeremoniellen Traditionen und Kulturen verpflichten. Dies kann sogar die finanzielle Beteiligung von indigenen Communities einschließen.4.

Wichtiger wird der Beitrag der Non-Profit Organisationen und der vielen unabhängigen Forscher sein, die sich weiterhin der Erforschung und Verwendung naturnaher oder bestenfalls natürlicher (plant-based) Psychedelika verpflichten. Halluzinogene können uns die Verbindung zur eigenen und der uns umgebenden Natur wieder bewusstmachen. Das gilt für jede Art von Halluzinogenen. Doch für die Indizierung dieser Erfahrung haben pflanzlich basierte Halluzinogene eine ganz eigene Qualität. Welchen Unterschied diese Qualität im transformativen Heilungsverlauf hat, wird in der Zukunft zu beantworten sein.

Es bleibt aber zu hoffen, dass der Umgang mit den Substanzen in den Therapien sowie in den Märkten, in denen sie produziert und verkauft werden sollen, Teil einer westlichen Kultur wird, die der Tradition und der Natur verbunden bleibt.

  1. Bei einigen Substanzen spielt auch der 5HT2C sowie der σ1-Rezeptor eine wichtige Rolle. []
  2. Man beschreibt die Bilder heute genauer mit dem Begriff der Pseudohalluzinationen, weil sich der Konsument dem nichtrealen Ursprung dieser Bilder immer bewusst bleibt. []
  3. Ketamine wurden in den 10er Jahren erforscht und zugelassen. Dies stellt jedoch keine Ausnahme dar. Ketamine sind lediglich synthetisch herstellbar und waren patentierbar. Die heute zugelassene Substanz vertreibt Johnson & Johnson unter dem Markennamen Spravato für 599 $ (56 mg). Ein Generika Produkt der ungefähr gleichen Packungsgrösse (50 mg) kostet dagegen 11.99 $. []
  4. Journey zum Beispiel beteiligt diese über einen sogenannten Stewardship Buisness Model mit 35% []