Trauma und Heilung

Das Trauma ist die Folge einer nicht vollständig verarbeiteten emotionalen Belastung. Im Ausnahmefall einer extremen Belastungssituation schaltet unser System ab. Der Körper reagiert instinktiv mit einer Immobilisierung. So wie der Flight or Fight Reflex zur Bewältigung einer überlebensbedrohlichen Gefahr automatisch einsetzt, um das Überleben zu schützen, so setzt der sogenannte Freeze ein, wenn aus der Wahrnehmung des Opfers keine Möglichkeit mehr zu Kampf oder zur Flucht bestehen. Der Zeitpunkt wann das passiert ist immer hängt ganz von der Bewertung ab, sowie von den individuellen Kapazitäten (Ressourcen), die in dem Moment der Belastung in der Person verfügbar sind. Die gleiche Situation kann also von anderen Menschen oder sogar der gleichen Person zu einem anderen Zeitpunkt anders ausfallen. Die Immobilisierung ist nicht bewusst steuerbar. Voraussetzung des Reflexes ist allein die umfassende Überzeugung ausgeliefert und ohnmächtig zu sein.

Unbenannt

In der Kapitulation einer von einem Tiger gefangenen Antilope in der Wildnis wirkt exakt der gleiche Reflex. Anschaulich ist die plötzliche Auflösung von allen Versuchen der Flucht oder des Kampfes und den Eintritt in ein Stadium der Immobilität. In dem Moment vor dem Kontakt mit seinem Angreifer und Verfolger fällt die Antilope zu Boden. Ein Zustand, den Eingeborene beschreiben als eine Kapitulation des Spirit der Beute zum Raubtier. Die Antilope ist nicht verletzt noch tot, jedoch hat sich ihr Bewusstsein verändert. Es ist in eine andere Ebene eingetreten. Dieser Zustand wird von Physiologen als „Immobility“ oder „Freezing-Response“ bezeichnet. Das Freezing, das dem populären Flight or Fight Reflex folgt (siehe Abbildung unten), ist ein Überleben schützender Mechanismus. Sofern die Antilope nicht direkt vom Tiger gefressen wird, wird sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder erwachen. Sie würde sich strecken, ausschütteln und fliehen, wenn sie das könnte. Darüber hinaus schützt der Eintritt in ein verändertes Bewusstsein beim Freeze vor dem Schmerz und den Qualen, die die Tötung mit sich bringt.

Der Mechanismus findet sich beim Menschen nicht nur als Reaktion auf ein plötzliches extremes Schockerlebnis (Unfall oder sexueller Übergriff), sondern ist häufig Ergebnis einer schrecklichen Konditionierung, die durch andauernde und stetig wiederkehrende Belastung entsteht. Der Mechanismus selbst ist hier nicht das eigentliche Problem. Das Problem entsteht, wenn wir uns nicht vollständig dieser Reaktion der Immobilisierung (Freeze) übergeben, oder diesen Schutzreflex nicht vollständig deaktiviert haben. Dadurch entsteht erst die Traumatisierung.

Ein Schutzmechanismus wird behindert

Vollständig in diesen Prozess ein- und wieder auszutreten ist für die Vermeidung jeglicher Spätfolgen entscheidend. Während sich die Antilope diesem Mechanismus der Kapitulation vollständig ergibt, wirken beim Menschen jedoch häufig starke gedankliche Widerstände, die mit der Angst vor dem Tod und Immobilität selbst in Beziehung stehen. Die natürliche Aktivierung und Deaktivierung des Freeze werden gestört.

Auch wenn das belastende Erlebnis selbst dann nach vielen Jahren schon vergessen scheint, so bleiben doch Aspekte des emotional gesunden Verhaltenserlebens langfristig mit der nicht aufgelösten Blockierung fixiert. Die andauernde Fixierung ist die bedeutendste und häufigste Ursache für Verhalten, das in der Psychologie als schlecht-angepasst (maladapted) bezeichnet wird. Viele psychische Krankheitsbilder werden darüber diagnostiziert, aber die Traumatisierung ist in den allermeisten Fällen ihr Prädiktor, Mediator oder Moderator.

Freeze Trauma

Wie kannst du die Trauma effektiv auflösen

Kein in der Apotheke erhältliches Medikament kann Traumatisierungen einfach auflösen. Auch die allermeisten in der Psychotherapie eingesetzten Methoden erreichen dieses Ziel nicht (effektiv), weil sie an den offensichtlichen und angepassten Verhaltensprogrammen ansetzen, aber nicht die darunter liegenden traumatischen Dispositionen auflösen. Blockierungen und Abläufe bleiben unaufgelöst im Körper stecken. Im eigentlichen Sinne heilt der Klient darum also nicht. Neu angepasste Programme sind und bleiben fremde Programme, auch wenn sie weniger schädlich sind.

Effektive, heilende Verfahren der Behandlung gehen mit dem Patienten an die Stelle der Belastung zurück – nicht notwendigerweise kognitiv, aber zumindest doch emotional und körperlich. Dies ist oft gar nicht so einfach. Eine große Hilfe können Therapiemethoden sein, die über einen geänderten Bewusstseinszustand arbeiten. Breathwork – Atemarbeit oder MDMA unterstütze Psychotherapie sind zwei Beispiele. Die geänderte Selbstwahrnehmung kann über lange Jahre aufgebaute Schutzmechanismen überwinden, blockierte Prozesse und Emotionen wieder frei setzen. Die Auflösung und Heilung auch von sehr alten Traumatisierungen geschieht ganz automatisch. Voraussetzung ist eine vertrauensvolle Umgebung und die erfahrene Therapiebegleitung.
Wirkungsvoll sind auch die Trauma-Release-Excercises (TRE). Das sind spezielle Körperübungen und Bewegungsfolgen, die den Deaktivierungs-Prozess, der natürlicherweise nach dem Freeze hätte eintreten sollen, reaktivieren. Auch das Somatic-Experiencing geht über den Abruf der verbundenen Körperempfindungen an die ursprünglichen Belastung zurück. Der Therapeut hilft dem Klienten, die behinderten Bewegungsabläufe wieder aufzunehmen und endlich vollständig auszuführen oder abzuschließen.
Weiter soll hier das Eye movement desensitization and reprocessing (EMDR) genannt werden. Die recht neue und teilweise auch von Psychotherapeuten eingesetzte Methode ist tatsächlich im Stande, traumatische Verbindungen im Gehirn über einfache Augenbewegungsabläufe nachhaltig aufzulösen.

Nicht zuletzt bleibt die Meditation als eines der wirksamsten Mittel zu erwähnen. Die Praxis der Meditation ist eine Schlüsseltechnik der Selbstheilung, auch für die unter dem schlecht angepassten Verhalten liegenden Bereich. Sie entfaltet ihr einzigartiges Potential über die langsame aber stetige Freisetzung von blockierten oder automatisierten Reaktionsketten und deren Vergegenwärtigung in der eigenen Stille.

People ask me how I have managed to go through what I have and not end up broken. The answer is that I let myself be broken. I let myself be broken open instead of letting those broken pieces of me become calcified.

Teal Swan