Psychedelische Therapie

Die Psychedelische Therapie ist eine Therapieform, bei der Psychedelika (bzw. Halluzinogene) unterstützend zu einer Therapie eingesetzt werden. Im Gegensatz zu Psychopharmaka, die zeitlich begrenzt auf das dem Krankheitsbild eigenen biochemischen Prozesse eingreift, wirken Psychedelika in einem therapeutischen Setting über die Auslösung einer heilsamen Selbsterfahrung, welchem die Veränderung der Krankheitssymptome folgt.

psychedelic therapy

Heilung von Innen

Psychische Krankheitsbilder wie Ängste oder Depression haben etwas gemeinsam – sie stehen bei Menschen im Zusammenhang mit überdurchschnittlich starker Selbstreferenz. Die Außenwelt ist hier zu einem bedrohlichen Gegenstand geworden, der bewusst oder unbewusst in die Handlungsplanung einbezogen wird („was passiert, wenn ich etwas Falsches sage?“, „was machen die Leute hinter mir, habe ich etwas nicht richtig gemacht?“). In der Alltagswirklichkeit sind Selbst und Außenwelt getrennt. Die Außenwelt ist hier zu einem Gegenstand geworden. Psychedelika verschieben diese Grenzen der Wahrnehmung unserer Alltagswirklichkeit. Während Psychopharmaka die Emotionsverarbeitung weiter unterdrücken, unterdrücken Psychedelika die Bereiche im Gehirn, die sonst ungewollte Reize filtern. Verhaftungen an gewohnte Sichtweisen und Grenzen zwischen Selbst und Außen sowie zwischen dem Selbst und Anderen lösen sich dadurch auf. Mit der Entgrenzung werden die Sinne wieder offen für Emotionen, die sonst kaum ins Bewusstsein vordringen oder für anhaftende Reaktionen, Verhaltens- und Denkweise, die sonst nicht mehr sichtbar sind. Auch Erinnerungen kommen dort zum Vorschein, sofern deren Wiedererleben wichtig für die gesunde Neustrukturierung des schlecht-angepassten Verhaltens sind. Eine solche Veränderung des Bewusstseins führt schließlich zu einer Veränderung der Bedeutungszuschreibungsprozesse, die unterhalb des Verhaltens liegen.

Geschichte einer hochwirksamen Therapie

Die psychedelische Therapieentwicklung ist eng mit Albert Hoffmann’s Entdeckung des Lysergsäurediethylamid (LSD) und dessen Wirkung in einem Schweizer Pharmalabor des Jahres 1943 verknüpft. Halluzinogene waren keineswegs unbekannt. Erst recht nicht für Hoffmann der als ausgewiesener Experte für Heilpflanzen gilt und der später auch als erster das Psilocybin synthetisiert hat. Aber nicht vorstellbar war zuvor, dass der Konsum schon einer so geringen Mengen wie 10 Mikrogramm dieser Substanz zu einer nicht gekannten und über viele Stunden anhaltenden Auflösung der Realität des Wachbewusstsein führen kann. Die Entdeckung war eine Revolution für die Psychologie sowie für die danach gewachsene Bewusstseinsforschung. Weltweit strengten Forscher sich an, die nach der Einnahme plötzlich ausgelösten Sinneswahrnehmungen zu erklären, zu kartographieren oder sie mit dem bestehenden physischen Weltverständnis in Verbindung zu bringen. Psychedelische Erfahrungen werden bis heute in unzähligen Bücher und Musikstücken verarbeitet.

In der heilpraktischen Anwendung setzten sich zwei Therapiemethoden durch. Zum einen die Psychedelische Therapie, welche die in US amerikanischen Behandlungen bevorzugt eingesetzten Methode wurde. Die Bezeichnung Psychedelic, die als „die Seele enthüllend“ oder „entfaltend“ übersetzt werden kann, wurde vom englischen Psychiater Humphry Osmond um etwa 1950 eingeführt. In dieser Therapie werden Patienten einmalig hohe Dosen von Halluzinogenen verabreicht. Der Einnahme geht eine intensive geistige und individuelle Vorbereitung voraus.

Von der Psychedelischen unterscheidet man die Psycholytische Therapie, welche in europäischen Behandlungen häufiger eingesetzt wurde. Lysis deuted auf die Auflösung von Spannungen und Konflikten in der menschlichen Psyche hin. Der Terminus wurde von Roland A. Sandison (England) ebenfalls in den 1590er Jahren geprägt. Sandison behandelte in England bis zum Verbot der Substanz tausende von Patienten erfolgreich.


Sind LSD & Co nicht gefährlich?

Bis heute gibt es keinen Todesfall durch den Konsum von Psilocybin oder LSD. Der sichere Einsatz der meisten psychedelischen Substanzen in der Therapie, bei geschulter Anwendung und sicheren Voraussetzungen gilt bis heute als bestätigt.1
Bekannt ist das Risikopotential durch Wahnvorstellungen, das für unvorbereitete und unstabile Personen, für bi-polare und Schizophräne Patienten sowie bei schlechter Betreuung oder fehlendem therapeutischem Setting. Wenn Angst oder Bedürfnisse zu Wahnvorstellungen während des Trips führen, können diese nicht einfach wieder gestoppt werden. Auch wenn die ersten Unternehmen heute Substanzen produzieren wollen, die das können. Die Intervention von Außen bei solchen Psychosen während der Wirkzeit der Substanzen kann den Betroffenen unabgeschlossen zurücklassen und deshalb selbst ein Risiko darstellen. Mit der Begründung auf die Gefahr solcher Bad Trips bei Einnahme der Substanzen als Partydroge oder in Selbstversuchen, wurden viele Halluzinogene ausgehend von den USA und ab den 1960 Jahren in immer mehr Ländern der Welt als Betäubungsmittel eingestuft und weitgehend verboten. Über die undifferenzierte Kriminalisierung und auch die politische Dämonisierung aus dieser Zeit gibt es eine Reihe ‚kulturgeschichtlich‘ sehr interessanter Debatten. Warum verbietet man Halluzinogene mit einem solchen ausserordentlichen Potential für den Einsatz auch in der Therapie? Wurde die Gefahr durch Halluzinogene genauso bewertet wie die Risiken, die auch bei der Zulassung von Psychopharmaka und anderen Medikamenten bestehen? Wenn nein, warum nicht?

Eine neue Bewusstseinskultur für Heilpflanzen und Halluzinogene

Klar ist aber auch, dass es kein Bewusstsein für den richtigen Gebrauch der Halluzinogene in unserer westlichen Medizinkultur gab, geschweige denn verbindliche Vorgaben für den Einsatz in der Therapie, beispielsweise verbunden mit einer Ausbildung. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einführung mit Bewusstsein für die Risiken und die Potentiale der Substanzen sind heute – in der sogenannten zweiten Psychedelischen Revolution – ohne Frage besser. Wir können heute auf Studienergebnisse aus fünf Jahrzehnten zurück greifen, in denen Psychedelika inoffiziell oder mit Ausnahmeerlaubnis weiter erforscht wurde. Die vielen Berichte von Menschen, denen endlich geholfen werden konnte, führen nicht nur zu einer Thematisierung in den Mainstream Medien, sondern endlich auch wieder zu einer ernsthaften Thematisierung in den Populärwisschenschaften. Die Politik hat keine Möglichkeit mehr an der Dekriminalisierung für die Behandlung der aller Menschen vorbei zu schauen. Tatsächlich war die Wirksamkeit der Behandlungsform immer bekannt. LSD durfte in den USA als auch in der Schweiz bei Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen (difficult to treat) oder auch bei Sterbepatienten verabreicht werden.

Auch der Besuch schamanischer Heilzeremonien im Amazonas beispielsweise ließ sich nicht verbieten. Zeremonien mit Ayahuasca (was so viel bedeuted wie ‚Wein der Seele‘) gehören dort zum Kulturgut und sind zum Beispiel auch Sakrament der Santo-Daime Religion in Brasilien. Eine solche kulturelle Einbindung und die damit verbundene Wahrnehmung einer Substanz lässt sich nicht einfach adaptieren. Dennoch bin ich sicher, dass in der Verstärkung dieser neu hergestellten Verbindung zwischen den westlichen und wissenschaftlichem Weltbild mit den alten schamanischen Traditionen der Naturvölker die Basis für eine erfolgreiche Etablierung eines gesunden Bewusstseins, auch für Heilpflanzen und Halluzinogene in unserer westlichen Kultur sind.

Die steigende Anzahl von Freigaben für die Forschung oder sogar für Besitz und Erwerb in immer mehr Ländern oder Bezirken (Michigan für Psilocybin), ist unermüdlichen Kämpfern zu verdanken (zum Beispiel legalizenature). Sie streiten in der Hoffnung auf die Legalisierung und für die Verbreitung der wirksamen Behandlungsformen von Mensch und Natur.
Allerdings: kaum patentierbare Substanzen als Medizin zuzulassen, welche Leiden nach nur wenigen Anwendungen auflöst oder vermindert – ist im Jahr 2020 um einiges schwieriger, als die Substanzen im Jahre 1960 zu verbieten. Es gelingt dank Fördermitteln und Spenden für klinische Zulassungsstudien, die die Wirksamkeit bei der Behandlung je spezifischer psychologischen Störungen über die Beweisführung mit der Negativen Psychologie belegen. Ein erfreuliches Beispiel ist das Verfahren für die Freigabe von MDMA für die Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD), an deren Behandlung die amerikanische Food & Drug Administration (FDA) inzwischen selbst ein besonderes Interesse hat.2. Viel zu hoch werden die Kosten für die steigende Zahl der so diagnostizierten Patienten. Die FDA, die hauptverantwortliches Organ der ursprünglichen Verbotswelle war, fördert die klinischen Studien heute mit einem Grant selbst.

Wir brauchen diese Gewissheiten. Unsere Gesetzgeber und vor allem wir Menschen brauchen Erklärungen. Und die Wissenschaft wird hunderte von Erklärungen für die Heilung und Linderung vor allem von psychischen Erkrankungen, aber auch für die Symptome von Autoimunerkrankungen oder neurdegenerativen Erkrankungen finden, die von dem veränderten Bewusstseinszustand ausgehen. Wir müssen auch noch besser verstehen, was Kontraindikatoren sind und Nebeneffekte bei Patienten mit bipolarer Störung, Schizophrenie oder Borderline Syndrom, die auch zur Manie tendieren, immer und für alle ausschließen können. Hier sind wir auf einem sehr guten Weg. Aber es sind mehr Studien notwendig und eine Bewusstseinskultur, die den Umgang mit Halluzinogenen und Heilpflanzen mit einer Anerkennung der alten Weisheiten verbindet.

„The unconscious wants to flow into the consciousness in order to reach the light, but at the same time it continually thwarts itself, because it would rather remain unconscious.“

Carl Jung

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  1. Der Einsatz von Ibogaine in den 90er Jahren in Frankreich führte über die Steigerung des Blutdrucks zu einem Todesfall. []
  2. MDMA assisted Psychotherapie gilt als „breakthrough Therapy“ []