Systemische Aufstellungen

Familienaufstellungen und andere Systemische Aufstellungen machen Teilnehmern manchmal zum ersten Mal auf ihre eigene innere ‚Konstellation’ aufmerksam. Die Neuausrichtung in einer gesunden Ordnung kann für die Wirksamkeit kombinierter Interventionen und für eine dauerhafte bio-psycho-soziale Gesundheit von grundlegender Bedeutung sein.

Seeing projections
Projektionen sehen – mithilfe der Aufstellungsarbeit

Sind denn Aufstellungen Therapien?

Familienaufstellungen zählen neben anderen Interventionsmaßnahmen zu den Ansätzen der Systemischen Therapie. Aufstellungen allein sind also keine Therapien, darauf komme ich unten im Text noch zu sprechen. Sie können jedoch in der Therapie als Instrument eingesetzt werden, indem sie Verborgenes aufdecken, das für eine langfristige mentale Heilung außerordendlich wichtig ist!

Der Fokus aller Methoden der Systemischen Therapie fällt nicht allein auf das Individuum, sondern auf seine Abhängigkeiten, die zu Störungen führen können, auch wenn sie nicht oder nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Denken, Handeln und Verhalten stehen immer in Bezug und Wechselwirkung. Der Einzelne ist immer in etwas Größeres eingebunden.  Dies wird auch in Zukunft so bleiben. Die Systemische Therapie strebt darum auch keine Befreiung an. Vielmehr geht es darum, Beziehungen in ihrer Dominanz zu erkennen, um sie dann bewusst zu gestalten.

Die Person, die zur systematischen Therapie kommt, wird als Indexpatient bezeichnet. Nicht sie, sondern ihr soziales Bezugssystem gilt als gestört. Ihr System, braucht sie als Problemträger, um in der Homöostase bleiben zu können.

Das ‚System‘ Familie

Die Familie ist das erste und dominanteste menschliche Bezugssystem. Klar, denn die Familie ist der Ausgangspunkt der Sozialisation von fast allen von uns. Auch für Kinder aus gewalttätigen Elternhäusern gibt es zunächst nichts als die Familie. Sie überleben in deren Moral und Bindung oder mithilfe von Strategien zu der Abgrenzung von diesen. Kinder entwickeln oder übernehmen jedoch auch ungesunde Bindungsmuster und Strategien, wenn deren Geschichte weniger offensichtlich problematisch ist. Der familiäre Umgang mit Vertreibung, Armut, Krankheit, Tod und anderen Schicksalen – insbesondere der verschließende Umgang damit, führt genauso häufig zu Problemen beim Zugang zu den eigenen Emotionen oder bei der Abgrenzung von anderen Menschen. Die ganze Lebensführung kann aus einer unbewussten und ungesunden Verkettung von Strategien bestehen, mit denen die Belastungen der sensiblen Lebensjahre vermieden werden.

Leider verschwinden diese Muster nicht einfach: Ohne Bearbeitung bleiben sie, genau wie die so unsichtbaren aber wirkungsvollen Beziehungen bis ins hohe Lebensalter bestehen. 

Die Etablierung der Aufstellungsarbeit in der Praxis

Um die Jahrtausendwende wurde eine neue Methode zur Aufdeckung dominierender Beziehungsmuster einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Zuerst im deutschsprachigen Raum etablierte Bert Hellinger (die Ordnung der Liebe) seine in den 90er Jahren Art der Familienaufstellung. Auf eindrucksvolle Weise wurden den Teilnehmern seiner Gruppenveranstaltungen der Zusammenhang mit ihrer aktuellen Stellung im Leben und in der Stellung in ihrer Familie deutlich. Die Aufstellung macht Abhängigkeiten des Einzelnen sogar dann sichtbar, wenn sie von Menschen ausgehen, die lange tot sind oder nie geboren wurden.

Auch heute noch überrascht es Teilnehmer, wenn sie die Ursachen für alltägliche Blockierungen ganz direkt als das Ergebnis traumatischer Erlebnisse (wie Krieg oder Vertreibung) in der Familiengeschichte wahrnehmen. Nicht weniger überraschend ist es, dass dies in einer einzigen Intervention geschieht, in der die Teilnehmer in der Lage sind sich innerhalb der Beziehungen neu zu definieren.

In den seinen Aufstellungen kombinierte der ehemalige deutsche Priester unter anderem Erkenntnisse aus traditionellen afrikanischen Ritualen, der bisher bekannten Aufstellungsarbeit und Psychodrama (Jakob Levy Moreno), der Gruppentherapie (Kurt Lewin, Raoul Schindler), der Primärtherapie (Arthur Janov) sowie der Psychoanalyse (Sigmund Freud).1 Die Elemente waren also für sich genommen nicht neu. Neu war die Wirksamkeit der durch Hellinger praktisch kombinierten Anwendung.

Ablauf einer Familienaufstellung

Eine Familienaufstellung wird typischerweise in einem einmalig – oder über mehrere Tage verteilt stattfindenden Treffen durchgeführt, bei dem zwischen 15 und 25 nicht verwandte Personen teilnehmen. Jeder Workshop beginnt mit einem Interview zwischen dem Aufsteller bzw. Facilitator und den einzelnen Klienten, wobei die derzeitige Situation sowie die Ziele besprochen werden. Wichtig ist, welche Familienmitglieder nach dem Ermessen der Teilnehmer eine bedeutende Rolle einnehmen und in welcher Beziehung diese stehen. Die Repräsentanten (inklusive eines Repräsentanten für den Klienten selbst) werden so platziert, dass deren Position zueinander sowie die Körperhaltung dem inneren Vorstellungsbild des Klienten entspricht (Problem Konstellation). Diese Ausgangskonstellation oder ‚Problem Konstellation‘ legt bereits eine initiale Dynamik frei, die wichtig für eine objektivierte Erörterung der Situation ist. 

Im weiteren Verlauf werden die Personen nach Gefühlen und Gedanken befragt, die sich mit der Arrangierung gezeigt haben. (z.B. Wie fühlt sich das an, hier zu stehen? Was spürst du in Bezug auf ihn oder sie?). Auf Grundlage ihrer Antworten und im Dialog mit dem Klienten positioniert der Therapeut die Repräsentanten jeweils neu. Damit einher gehen ritualisierte Gespräche mit den Repräsentanten und natürlich dem Klienten. Die Reorganisation der Personen im System bringen jeweils neue Erkenntnisse. Nicht immer sind die Antworten der aufgestellten Personen ausreichend für die Beantwortung der offenen Fragen. Dann können neue Repräsentanten dazu kommen. Reorganisation geht solange weiter, bis eine Lösungskonstellation gefunden wird. Die Prinzipien der gesund funktionierenden Ordnung inklusive der Hierarchien, ihrer Wechselwirkungen sowie ihrer Sprache muss ein Aufsteller kennen. Die finale bzw. abschließende Konstellation bietet dem Klienten einen neuen Raum zu denken, zu fühlen und sich zu verhalten.

Aufstellungen sind ausdrücklich keine eigenständigen Therapien (auch wenn sie manchmal als Konstellation-Therapie bezeichnet werden). Beispielsweise fehlen dem Kurz-Event Nachbesprechungen, in welchen die Erlebnisse und die neuen Informationen eingeordnet werden könnten. Auch während der Aufstellung sind nicht notwendigerweise Therapeuten anwesend. Inzwischen sind Aufstellungen jedoch zu einem wichtigen Werkzeug im Rahmen der Therapie bei vielen Psychologen, insbesondere in Europa in Südamerika sowie in Teilen der USA und auch von Asien, geworden.

Die Wissenschaft und die Systemischen Aufstellungen

Die Gesellschaft für Systemische Therapie kritisierte noch Hellinger`s publikumswirksame Massenaufstellungen und die konfrontative Art und Weise, in der er den Teilnehmern eine für sie gesunde und neue Ordnung diktierte2. Aber Aufstellungsarbeit, das ist heute nicht mehr Hellinger. Zu stark haben sich die Ansätze verändert oder auf einzelne Elemente zurückbezogen. In der Praxis werden heute eine ganze Reihe unterschiedlicher Konzepte der Arbeit von hauptsächlich privaten, aber mitunter auch institutionalisierten Schulen vertreten. Diese beschränken sich nicht mehr auf die Aufstellung von intrapersonellen Systemen (wie Familien), denn auch intrapersonelle Systeme wie Ego- oder Persönlichkeitsanteile können über die Technik aufgestellt werden. Andere Beispiele sind die Aufstellung des Lebensweges (Lebens-Integrations-Prozess),3 Organisationsaufstellungen, Supervisionsaufstellungen oder Strukturaufstellungen. Tatsächlich können jegliche Identitäten aufgestellt werden, die innerhalb eines Systems miteinander in Beziehung stehen. Anstelle des Begriffes der Familienkonstellation wird darum auch immer häufiger einfach der Begriff der ‚Systemischen Aufstellung‘ oder der ‚Systemischen Konstellations-Therapie‘ gesprochen. 

Egal, wie sich die Methode und Anwendungsbereiche heißen oder wie sie sich weiter entwickeln, Aufstellungen werden mit dem Namen Hellinger verbunden bleiben. Indem er die Elemente praktisch und öffentlichkeitswirksam – unabhängig jedes wissenschaftlichen oder folkloren Kontextes – zur Bildung der Grundlage natürlicher und langfristig wirksamer Heilung einsetzte, hat er ein neues Feld geöffnet. 

Wir müssen nicht verstehen wie etwas funktioniert. Es reicht auch, die Wirksamkeit einer Methode empirisch zu bestätigen, so wie es nun in Bezug auf die Familienaufstellung und ihren Beitrag für die mentale Therapie immer mehr Studien tun.4 die Verbreitung der Arbeit mit Hellinger hat geholfen, dieses Bedürfnis der Wissenschaft und der Menschen unserer westlichen Welt im Dienste der Methode der Aufstellungsarbeit zu überbrücken.

  1. Die Psychodramatische Familienaufstellung []
  2. DGSF.org []
  3. Zum Beispiel beim Nellesinstitut; eigentlich eine private Schule []
  4. The Effectiveness of Family Constillation Therapy improving Mental Health []