Meditation und Mindfulness

Hast du schon mal auf den Nägeln herum geknabbert? Beim Kauen sogar gedacht „eigentlich sollte ich das nicht machen“? Das ist ein kleines Beispiel für die Existenz von unbewussten Verhaltensweisen, die uns oft erst während oder nach der Ausführung bewusst werden. Tatsächlich laufen die meisten Verhaltensprozesse vollständig unbewusst ab und können weitaus schlimmere Folgen als das Nägelkauen haben. Bei der Meditation geht es um Bewusstwerdung und schließlich das Loslassen ganz unterschiedlicher Gewohnheiten und Abhängigkeiten, die in das Gefühl der Unfreiheit und in viele moderne Krankheiten führen.

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Meditation

Die Praxis der Meditation ist der Königsweg der Selbstbefreiung und das Ziel der Yoga-Praxis in der fernöstlichen Tradition. Der Begriff geht zurück auf das lateinische Meditatium, das in fast allen Religionen Synonym zum Begriff der Kontemplation verwendet und so viel bedeutet wie ein „konzentriert beschauliches und geistiges Sich-versenken“ oder auch einfach „sich-Bewusstwerden“.

Doch die Meditation hat ihren Ursprung weit vor der Entstehung der uns bekannten Religionen. Ebenso unabhängig stellt sie sich heute wieder als eigenständige Praxis dar, die überraschend positive therapeutische Effekte auf Geist und Körper hat. Nachweislich hilft sie nicht nur bei der Auflösung von Depressionen oder Ängsten, sondern sogar bei chronischen Problemen und Schmerzen1.

Und mit einer anhaltenden Praxis stellen die Meditierenden fest, dass es bei Heilung um mehr als um die Lösung der lästigen Beschwerden selbst geht, nämlich um die Aufklärung der Verbindung von Selbst und Welt.

Diese Verbindung ist also für die persönliche, wie die gesellschaftliche und nicht zuletzt die ökologische Gesundheit von entscheidender Bedeutung. Wichtiger denn je und damit auch die Wiederverbreitung der Mediation als Praxis und Kultur. Natürlich gibt es noch andere Methoden nachhaltig wirksamer Heilverfahren für mentale oder chronische Beschwerden für die die Schulmedizin nur kosmetische Antworten findet. Einige werden als effektive Methoden auch hier beschrieben. Aus der Perspektive der Meditation kann man diese jedoch als Wege betrachten, die mit anderen Schwerpunkten und Mitteln grundsätzlich doch das gleiche Prinzip und Ergebnis zu verfolgen. Der Beitrag versucht über die Schwelle der Anleitung zur Meditation hinaus zu gehen und das Gleiche in dem heilvollen Prinzip zu beleuchten.

Befreiung vom zu vielen Denken

Es gehört zunächst ein Wille und Disziplin dazu, den Gedanken nicht mehr zu folgen und gelingt mit ein wenig Übung und Konzentration und mit Hilfe der Verlagerung der Aufmerksamkeit auf Körper und Atem. So kann ein Raum entstehen, in dem Gedanken und die darauf folgenden Bewertungen als automatisierter Prozess entdeckt werden können.

Was sind die Muster dieser Gedanken, auf worauf reagieren sie? Ein umfassenderes Verstehen stellt sich ein, durch das in der Folge auch der Verstand klarer wird, vor allem, weil er mehr Abstand bekommt und sich freier für eine eigene Resonanz entscheiden kann, die sich nicht mit den bisher befolgten Glaubenssätzen entsprechen muss.

Wenn alte Konzepte neuen Einsichten zum Opfer fallen, ist das in Ordnung. In der Meditation geht es nicht um eine zielgerichtete Optimierung sowie bei den modernen Habit-Trackern, die die Gewohnheiten verändern helfen sollen und sich dabei an mehr Produktivität oder Erfolg orientieren. So etwas wie gute oder schlechte Gewohnheiten (Habits) gibt es nicht. Gewohnheit bedeutet, etwas unbewusst zu tun – und das ist niemals gut. Bei Meditation geht um die Unterstützung der Bewusstwerdung und damit eines Wandels, der nicht durch die aktuelle Wahrnehmung von Verbesserung oder Erfolg, sondern vielmehr durch das eigene Selbst gesteuert wird.

Leave these loops, that squirl around your authenticity and the joyful life that belongs to it.

Verbindung mit dem Körper – Erwachen im Moment

Achtsamkeitsmeditation unterstützt die Verbindung von Körper und Geist. Wo der Körper und seine Sensationen mit ganzer Aufmerksamkeit beobachtet werden – der Schlag des Herzens oder die durchströmende Atmung – kommt auch der Geist ins Jetzt. So kann die Wahrnehmung des Körpers zu einem Anker werden, der spürbar bleibt und Ruhe spendet, auch dann, wenn es im Kopf wieder stürmisch wird.

Lösung versperrter Emotionen

Die volle Aufmerksamkeit auf den Körper kann dazu führen, dass sich Emotionen lösen und danach Bilder vor dem inneren Auge sichtbar oder Gefühle spürbar werden, die sich äußerst unangenehm anfühlen. Diese Befreiung geht einher mit der Auflösung von Spannungen, die für einen großen Teil unseres Leids verantwortlich – und nachgelagert – natürlich auch unsere Sicht auf die Welt verantwortlich sind. Denn Emotionen motivieren Gedanken und Handlungen, auch wenn sie aus einem Grund vom Körper festgehalten werden.((Siehe hierzu die Artikel zu Trauma oder Systemische Konstellationen)) Mit der Meditation bekommen wir eine Gelegenheit diese Emotionen vielleicht das erste Mal wirklich anschauen oder fühlen zu können, ohne davor fliehen zu müssen. Es hilft dabei, die Angst als einen natürlichen Impuls zu verstehen, der uns etwas Gutes will. Wir können mit der Angst gemeinsam weiter beobachten. Schaue hin! Du bist im Hier und Jetzt in Sicherheit. Atme tief durch und vertraue, dass die Puzzleteile sich verbinden und dass etwas Neues und Gutes dabei entsteht – Stück für Stück. Der Atem schafft Raum. Mit seiner gezielten Führung in die verspannten Bereiche unterstützen wir die natürliche Lösung.

Weiter können wir den Prozess nicht steuern. Aber wir können uns diesem übergeben, indem wir unser Gehör für die Sprache des Körpers neu entwickeln. Das Loslassen hilft, aus den Spiralen von Gedanken und Gefühlen auszusteigen und wieder deutlicher den natürlichen Impulsen des Körpers zu folgen, auch und gerade in den schwierigeren Situationen des Alltags. Innerlich wird die Gewissheit stärker, dass der Körper weiser ist als der in jedem Moment nach neuen Auswegen suchende und sich versichernde, doch immer auch begrenzte und begrenzende menschliche Verstand.

See your thoughts before they grow. Their patterns and their needs.

Mitgefühl (Compassion)

Über die Verbindung mit dem Jetzt wird eine neue Atmosphäre der Empathie und des Mitgefühls spürbar für das was ist. Sie wird immer deutlicher spürbar mit einer Freude am Leben, an der Welt und den anderen Lebewesen. Vielleicht benötigen die Reaktionen oder Gedanken irgendwann keine Rückversicherung für ihre Inhalte mehr. Das ist der Punkt, an dem die Persönlichkeit als Konstruktion sichtbar wird. Empathie und Abstand befördern das Wachstum einer Präsenz, die die Schutzfunktion dieser Konstruktion nicht benötigt und in der Schuld oder Fehler als ironischer Irrtum erscheinen.

Mindfulness: Eine kurze Einführung

Mindfulness wird im weiten Sinn als Achtsamkeit im Denken und Handeln bezeichnet. Eine Achtsamkeit, die dabei hilft, ruhiger und konzentrierter zu werden. Im engeren Sinn wird mit dem Begriff eine im Sitzen ausgeführte Meditation aus der buddhistischen Tradition bezeichnet, welche die oben angesprochene Verankerung im Jetzt trainiert.

John Kabatt Zinn hat Anfang der 1980er Jahre ein Programm ausgearbeitet, das sehr erfolgreich und durch viele Studien bestätigt bei der Stress-Reduktion (MBSR), in der kognitiven Therapie (MBCT) oder im Training zum Mitgefühl direkt wirksam ist2. Dieses heute populäre Konzept wird im weiteren Sinne ebenfalls als Minfulness bezeichnet.

Zentrales Element innerhalb der Programme von Kabatt-Zinn ist natürlich wieder die Meditation, die je nach Program einen anderen Zugang sucht. Fester Bestandteil sind Übungen, die helfen, Achtsamkeit in unsrem alltäglichen Leben und in ganz alltäglichen Situationen zu fördern.

Mindfulness Übungen

  • Achtsames Atmen
  • Achtsames Laufen
  • Achtsam Essen
  • Achtsam Zuhören und Sprechen

Die Mindfulness Trainings nach Kabatt-Zinn finden erfolgreich in Gruppen statt. Viele Institutionen bieten Kurse an, die vor Ort oder auch virtuell stattfinden können. Der Austausch motiviert und ermöglicht den eigenen Prozess über die Perspektiven der anderen besser zu verstehen.

Mindfulness-States und Psychedelika

Die Wirkung halluzinogener Substanzen in der Entdeckung des Selbst einen symptomatischen Vorsprung verschaffen. In einer Doppelblind-Studie3 wurde beispielsweise Psylocibin in einem meditativen Setting mit einer Gruppe von Personen getestet, die bereits seit Jahrzehnten meditieren. Der Anteil der Probanden mit Psylocibin berichtet von einer rasanten Beschleunigung des Prozesses der meditativen Erfahrung und Vertiefung. Von der Wirkung auf das Bewusstsein wird in dem Artikel über Psychedelika berichtet. Die Erfahrungen können zu dem sogenannten Durchbruch in der Therapie auch von resistenten Patienten führen. Leider bleiben die oben angesprochene Verbindung jedoch nicht immer verankert. Darüber hinaus muss man natürlich sagen, dass die pseudo-halluzinogenen Effekte gerade bei instabilen Patienten auch als bedrohlich wahrgenommen und gefährlich werden können (Stichwort Bad Trip). Die Therapie ist hier nur unter bestimmten Voraussetzungen zu empfehlen.

Die substanzfreie Meditation ist dagegen (im konventionellen Sinne) nebenwirkungsfrei. Die Integration der Erfahrungen bekommt die Zeit, die sie braucht. Stetig und behutsam durchdringt sie mit der Praxis, alle anderen Lebensbereiche des Alltags.

Der Lösung von Emotionen und Spannungen folgt eine Neuausrichtung der Ebenen im Körper. Anders ausgedrückt: Ist der Geist organisiert, organisieren sich auch die Emotionen und die Kräfte des Körpers neu. Meditation macht diesen Heilungsprozess, sichtbar und spürbar als Wachstum in eine Ein-Direktionalität, die klar und aufgeräumt, angstfrei und integer – oder, im besten Wortsinn authentisch ist, auch wenn sie sich morgen einer anderen Richtung zuwendet. So wird die meditative Stille zu einer verlässlichen Quelle von Kreativität und Schaffenskraft und die Grundlage wahrer Freude.

  1. Mindfulness Meditation for Chronic Pain []
  2. Siehe hierzu Kabat-Zinn; Full Catastrophe Living []
  3. Smigielski et. al.; Psilocybin-assisted mindfulness training modulates self-consciousness and brain default mode network connectivity with lasting effects []